Der Beitrag von Margret Rasfeld im Überblick

Schule im Aufbruch

M

Margret Rasfeld hält in ihrem Beitrag ein Plädoyer für ein radikal neues Bildungsmodell. „Jede Gemeinschaft kann auf Dauer nur so intelligent, leistungsfähig und erfolgreich sein wie die Menschen, aus denen sie besteht. Es kommt deshalb darauf an, immer wieder Bedingungen zu schaffen, die es erlauben, alle in ihr vorhandenen Fähigkeiten und Talente voll zu entfalten und auszuschöpfen.“ Mit diesem Zitat Alfred Herrhausens steigt die Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld in ihren Beitrag ein – und legt damit sogleich den Finger in die Wunde.

Beim Thema Bildung ist ein grundlegender Wandel in Einstellungen und Haltungen erforderlich.

Denn: „In unserer Gesellschaft schaffen wir diese Bedingungen derzeit nicht.“ Bedenklicher noch: „Wir verhindern die volle Entfaltung von Fähigkeiten und Talenten, und zwar systematisch, in unserem Bildungssystem.“ Dort herrschten Defizitgeist und Normierung vor, die vollkommen überholten Anforderungen des vergangenen Jahrhunderts entstammen. Die Entwicklung unserer Gesellschaft erfordert einen Paradigmenwechsel in der Bildung – dieser ist aktuell dringender denn je. „Unser Gesellschaft mangelt es zunehmend an Zusammenhalt, Solidarität, Gemeinsinn und Wertschätzung für Demokratie.“

Ein grundlegender Wandel in Einstellungen und Haltungen sei erforderlich und damit nichts weniger als eine gesellschaftliche Transformation. „Wir brauchen mutige und kreative Weltbürger mit Gemeinsinn, die es gewohnt sind, lösungsorientiert zu denken und Verantwortung zu übernehmen; für sich selbst; für ihre Mitmenschen; für unseren Planeten.“ Dies sind alles Eigenschaften, die Schüler von heute als Arbeitskräfte von morgen dringender denn je benötigen. Das Stichwort lautet digitale Transformation: Sie bringt nicht nur neue Geschäftsmodelle und Produkte hervor, sondern verändert auch grundlegend, wie wir kommunizieren und arbeiten. Agilität in Unternehmen erfordert Selbstorganisation, Eigeninitiative, Kollaboration und Veränderungsbereitschaft. Unternehmen und Schulen haben hier gleiche Herausforderungen und können voneinander lernen. Mit mehr als acht Millionen Schülern und rund 750.000 Lehrern ist Schule das größte Unternehmen der Republik.

Doch wie erreichen wir dieses Ziel – neu zu lernen? Als Praktikerin kennt Margret Rasfeld überzeugende Antworten. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ), an der sie als Schulleiterin tätig war, setzt ein innovatives Bildungsmodell bereits um. Es zeigt, dass man Partizipation und Verantwortung lernen kann. Als Best Case hierfür dient das Fach „Verantwortung“, das in der ESBZ auf dem Stundenplan steht. Es zeigt, was für eine positive Wirkung es hat, wenn jungen Menschen Verantwortung übertragen wird. In diesem Fach engagieren sich die Sekundarschüler regelmäßig im Rahmen einer selbst gewählten Aufgabe im Gemeinwesen. Dadurch wird zivilgesellschaftliches Engagement ein zentrales Element in der Lernbiografie aller. Denn Verantwortung lernt man nicht aus Büchern oder durch moralische Appelle, sondern nur, indem man direkt mit ihr in Berührung kommt. Indem die Schüler erleben, dass sie selbst etwas bewirken und bewegen können, entsteht ein tiefes Bewusstsein für den Sinn ihres Handelns. „Das ist nicht nur Herzens-Bildung, das ist Demokratie-Bildung“, so Rasfeld. Die Schüler entwickelten Metakompetenzen wie Selbstorganisation, Impulskontrolle, Folgenabschätzung, Perspektivwechsel, Mut, sich auf Fremdes einzulassen, Vertrauen in Unbekanntes. Hierzu trägt nicht zuletzt ein Bildungsmodell bei, das eine völlig neue Fehlerkultur kennt. „Scheitern“ ist ausdrücklich erlaubt, bringt es als Lernquelle doch einen individuellen Erkenntnisgewinn mit sich.

Wenn wir diese neue Lern- und Arbeitskultur in Wirtschaft, Organisationen und Zivilgesellschaft wollen, müssen wir jetzt Bildung verändern, ist Margret Rasfeld überzeugt. Wir brauchen Antworten darauf, wie wir junge Menschen auf die Lösung von Zukunftsaufgaben vorbereiten, die wir heute noch gar nicht kennen. Wir müssen Bildung neu denken und die Begeisterung am lebenslangen Lernen fördern. Ganz im Sinne Alfred Herrhausens: „Freiräume für hervorragende Leistungen auf den verschiedenen Gebieten menschlichen Denkens, Forschens, Handelns und Gestaltens nur passiv offenzuhalten, genügt nicht. Wir müssen dazu anregen, dass man sie nutzt, und wir müssen jeden Versuch, dies zu tun, aktiv unterstützen.“

Diesen Beitrag lesen Sie in voller Länge im Buch Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten, das am 23. September 2019 beim Siedler Verlag erscheint.

Margret Rasfeld war bis 2016 Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Sie hat die Initiative „Schule im Aufbruch“ mitgegründet, die das Ziel hat, das Bildungssystem grundlegend zu reformieren.