Das Kapitel im Überblick

Das Lernen neu lernen

D

Das „Lernen neu lernen“ – so der Titel unseres Kapitels, in dem wir Zukunftsvisionen und bereits gelebte innovative Modelle aus den Bereichen Bildung und Unternehmertum präsentieren. Es ist Teil des Buches Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten“, das im Herbst 2019 erscheinen wird. Hier kommen vier Autoren zu Wort, die in ganz unterschiedlichen Bereichen erfolgreich sind: Der Neurobiologe Gerald Hüther, der Bildungsforscher und OECD-Direktor Andreas Schleicher, der Unternehmer Heiko Fischer und die Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld. Sie äußern sich zu Themenspektren wie „Lebenslanges Lernen“, „Potentialentfaltung“ und „Zukunft der Arbeit“ aus ihrer jeweiligen Sichtweise.

Ein Wandel des Schulsystems in Deutschland ist dringend nötig!

Grundlegend geht es in allen Beiträgen um den Erneuerungsbedarf des Bildungssystems und die Frage, was das heutige Unternehmertum durch Perspektivwechsel erreichen kann. Gemeinsam haben alle Autoren, dass sie visionäre Ideen entwickeln und konkrete Wege aufzeigen, wie sich das Bildungssystem und damit auch Arbeitswelt von morgen zukunftsfähig und nachhaltig entwickeln können.

Mit einer Grundsatzfrage nähert sich Gerald Hüther der Thematik an: Was ist es, das eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält? Schließlich sind Menschen keine Einzelkämpfer. Sie brauchen Gemeinschaft, sie brauchen Gesellschaft und eine Grundlage für das Zusammenleben. Wie dieses Zusammenleben aussehen kann und welche Regeln, zum Beispiel auch in Schulen, gelten sollen, diesen Fragestellungen widmet er sich. Weil sich Religionen als moralischer Kompass in unserer säkularen Welt nur noch bedingt eignen und Ethik sich in zu viele Formen gießen lässt, bleibt für ihn schließlich die Würde des Menschen als Kern des Zusammenhalts übrig. „Es ist die Vorstellung seiner eigenen Würde, die es jedem Menschen ermöglicht, sich selbst als soziales Wesen zu bekennen und sich in seiner Einzigartigkeit als gestalterisches Subjekt in der Gemeinschaft mit anderen zu erleben“, so Gerald Hüther. Darin sieht er die Grundlage eines konfliktarmen Zusammenlebens. Denn: „Wer sich seiner eigenen Würde bewusst geworden ist, kann die Würde anderer nicht mehr verletzen.“

Die Würde des Menschen möchte Heiko Fischer vor allem im Berufsleben gewahrt wissen. Deshalb wirft er die Frage auf, wie eine Gesellschaft es schaffen kann, dass der Einzelne in seiner Arbeit Sinn empfindet und gleichzeitig eine gesunde Wirtschaft mitgestaltet. Als Antwort plädiert er für den Verzicht auf jegliche Hierarchien in einem Unternehmen. Die beste Personalabteilung ist die, die nicht benötigt wird, bringt es Fischer in seinem Beitrag auf den Punkt. Denn schließlich sieht Fischer ein Unternehmen zunächst als gute Möglichkeit, einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft zu leisten. Maximaler Profit und Fokus auf Shareholder Value sollten seiner Ansicht nach nur eine zweitrangige Größe sein. Wohlstand und Erfolg lassen sich auch in anderen Größen messen. Mehr zu seinem Beitrag lesen Sie hier: Eine neue Definition von Arbeit. Eine These, die Heiko Fischer auch hier im Video erläutert.

Als Grundlage für Wohlstand und Erfolg sieht Andreas Schleicher Bildung an. Deshalb ist ihm wichtig, dass eine Gesellschaft bereits in der Schule ein gutes Fundament für ein erfolgreiches Zusammenleben der Mitglieder dieser Gesellschaft legt. Ein Wandel des Schulsystems in Deutschland sei daher dringend nötig. Denn Herausforderungen wie Migration, Digitalisierung und eine globalisierte Arbeitswelt stellen die Arbeitskräfte von morgen vor ganz neue Herausforderungen. Als Konsequenz fordert Andreas Schleicher Veränderungen in einem Schulsystem, das mit seinem Fokus auf Normen wie Standardisierung und Regelkonformität eine heute völlig überholte Erfindung des Industriezeitalters ist. Mehr zu seinem Beitrag lesen Sie in der ausführlichen Zusammenfassung: Bildung als Schlüssel für Wohlstand.

Das Lernen neu lernen – auch Margret Rasfeld, Bildungsinnovatorin und ehemalige Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ), ist eine Verfechterin dieses Credos. Sie setzt sich für grundlegende Veränderungen des Schulsystems ein. Die Gründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ betont, dass darin der Mensch und sein individuelles Potential in den Mittelpunkt gestellt werden müssen. Ihr Bildungsmodell zielt darauf ab, Schülern eine Haltung zu vermitteln, die sie zu verantwortungsbewussten Menschen macht; die das Miteinander und Füreinander statt das Gegeneinander lehrt; die sie dazu befähigt, Lösungen auf Herausforderungen zu finden, die wir heute noch gar nicht kennen können. Bildungsziele und Bildungsmethoden müssten daher völlig neu gedacht werden. Schülerinnen und Schüler der ESBZ lernen bereits im Sinne der „Schule im Aufbruch“, und Margret Rasfeld führt anschaulich an, wie eine veränderte Geisteshaltung zur Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft in all ihren Facetten beitragen kann. Mehr dazu in der Beitragszusammenfassung Schule im Aufbruch.

  • Jamila Tressel
  • Tania Singer und Alan Posener
/