Der Beitrag von Bonaventure Ndikung

Koloniale Machtstrukturen wirken bis heute

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Mit seinem Kunstzentrum SAVVY Contemporary thematisiert Bonaventure  Ndikung die „Kolonialitäten von Macht“, als Kurator von großen Ausstellungen wie der documenta 14 Kassel/Athen (2017) und der Biennale für Afrikanische Fotographie (Rencontres Bamako) bringt er die Perspektive von Menschen mit nicht-europäischen Wurzeln in die hiesige Kunstwelt. Der gebürtige Kameruner ist unabhängiger Kunst-Experte, Kurator und studierter Biotechnologe. Er lebt seit 1997 in Berlin.

Es gab einen Punkt, an dem der Begriff Rasse und Geschlecht konstruiert wurde, und immer noch sind wir in diesem Rahmen der “Kolonialität der Macht” gefangen.

Die Auswirkungen des Kolonialismus sieht der 41-Jährige bis heute in unseren Gesellschaftsstrukturen als eklatant. Farbige, Frauen und alles Andersartige werden nach wie vor in unserer Gesellschaft untergeordnet. Der Kunstraum SAVVY thematisiert mit Ausstellungen, Performances und Wissenschaftspräsentationen diese Themen radikal und fesselnd.

Man sollte meinen, dass kolonialisierte Machtstrukturen nur an den kolonialisierten Orten passieren. Aber Ndikung ist der Meinung, dass das Konzept der Kolonialität nicht nur auf die Menschen in den kolonisierten Ländern beschränkt ist. Es bezieht sich auch auf die Kolonisatoren – und ihre Nachkommen. Sprich: auf uns Europäer.

Als aktuelle Beispiele hierfür nennt er den oft verwendeten Begriff „Flüchtlingswelle“, der abfällig benennt, dass Flüchtlinge das Land wie ein „Tsunami“ überschwemmen würden. Die Flüchtlingswelle sieht Ndikung hingegen als direktes Resultat einer Welt, in der einige sehr viel haben und andere sehr wenig, was maßgeblich durch jahrhundertelange Kolonisierung bedingt wurde.

„Wir machen den Gewinn, wir haben ein sicheres und gutes Leben, aber die Mehrheit verschließt ihre Augen vor dem Leiden und der Benachteiligung anderer“, sagt Ndikung und will entsprechend hierfür mit seinem Wirken in der Kunst die Augen öffnen. Eine Ausstellung, in der alle Besucher herumstehen, am Glas nippen und ein paar Bilder ansehen, reicht ihm nicht aus. „Ich interessiere mich für Kunst, die das Potenzial hat, etwas zu bewegen und zu verändern; Ideen zu generieren und Menschen aufstehen zu lassen, proaktiv oder reaktiv zu sein.“

Was alle tun können, um die Benachteiligung anderer zu ändern, und wie alle im Alltag mithelfen können, die Lebensbedingungen weltweit zu verbessern – das erläutert Ndikung im ausführlichen Interview, das im neuen Buch „Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten“ am 23. September 2019 erscheint.

Sehen Sie zu diesem Thema auch das Video mit Bonaventure Ndikung!

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung ist ein unabhängiger Kurator, Autor und Biotechnologe. Er ist der Gründer und künstlerische Leiter von SAVVY Contemporary in Berlin. Er war Curator-at-Large für die documenta 14 in Athen und Kassel und ist Künstlerischer Leiter der 12. Ausgabe von Rencontres de Bamako.