Wie China Europa herausfordert

Der Beitrag von Janka Oertel im Überblick

Verhältnis zu China
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Blockbildung, Systemkonfrontation, Aufrüstung: Das gab es alles bereits im Kalten Krieg in den 1980er-Jahren zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion. „Cold War reloaded“ könnte es vielleicht bald im Zusammenhang mit China heißen, sagt Janka Oertel in ihrem gleichnamigen Essay mit der Ergänzung „Die neue pazifische Herausforderung“. Die Politikwissenschaftlerin und Sinologin identifiziert Parallelen zur einstigen internationalen Auseinandersetzung. Und mittendrin: Europa. Genauer gesagt: Deutschland.

Chinas Staatsführung zeigt, dass wachsender Wohlstand nicht mit liberalen Ideen einhergehen muss und dass moderne Technologie Unfreiheit in die intimsten Winkel des Menschlichen Denkens  einprogrammieren kann.

Jahrzehntelang haben wir als Wirtschaftsexportnation kräftig am Aufschwung Chinas verdient, sagt Oertel, die Transatlantic Fellow im Asienprogramm des German Marshall Fund of the United States ist. Um nicht weniger als das Vierzigfache ist Chinas Wirtschaft zwischen 1986 und 2017 gewachsen. So mancher deutscher Konzern erwirtschaftet bis zur Hälfte seines Umsatzes in Fernost. Doch hinter der Fassade des chinesischen Wirtschaftswunders brodelt es in China, warnt Janka Oertel. Beispiel: Menschenrechte. Die Kommunistische Partei hält sich mit starker Kontrolle an der Macht. Die Freiheit des Einzelnen wird durch moderne Technologien mehr und mehr eingeschränkt.

Zweite Herausforderung: Nicht nur deutsche Unternehmen investieren in China – auch chinesische kaufen sich in Europa bei großen Infrastrukturprojekten ein, wie beispielsweise Häfen in Italien und Griechenland, und verschaffen sich damit mehr und mehr Einfluss auf dem europäischen Kontinent.

Dritte Herausforderung: Die Technologie-Führerschaft Europas ist ins Wanken geraten – und mit ihr der feste Glaube, dass eine liberale Demokratie am besten das Innovationspotenzial seiner Bürger entfalten kann. „China hat das Gegenteil inzwischen eindrucksvoll bewiesen. Während der gesellschaftliche Spielraum immer weiter eingeschränkt wurde, ist dennoch die Zahl der angemeldeten Patente in China höher als in allen anderen Staaten der Welt.“

Die USA reagieren mit Konfrontation. US-Präsident Trump droht mit Strafzöllen und sieht im chinesischen Aufschwung die größte Herausforderung für Amerikas Wohlstand und Sicherheit. Wie sollen nun europäische Staaten, und insbesondere Deutschland, reagieren? Berlin und Brüssel sitzen in der Zwickmühle: Versiegt die Einnahmequelle China, wenn sich Europa mehr für Sicherheit und Menschenrechte auf internationaler Bühne stark macht, in eigene Verteidigung investiert und von China distanziert? „Werte verteidigen sich nicht von allein. Mehr Mut ist die Devise.“

Das erläutert Janka Oertel in ihrem Beitrag für das Buch Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten, das am 23. September 2019 erscheint. Für die Perspektive aus chinesischer und asiatischer Sicht empfehlen wir Ihnen ergänzend unsere Interview-Videos: mit dem chinesischen Professor Dingding Chen über Europas Vermittlerrolle zwischen China und den USA sowie mit dem indisch-amerikanischen Politikwissenschaftler Parag Khanna über die neue Vorherrschaft Asiens als Weltmacht.

Janka Oertel

Janka Oertel ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und Sinologin. Sie ist Transatlantic Fellow im Asienprogramm des German Marshall Fund of the United States und arbeitet im Schwerpunkt zum Thema China.

Janka Oertel