Europa braucht mehr Demokratie in der Daten-Ökonomie

Der Beitrag von Nicola Jentzsch im Überblick

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Die Ökonomin Nicola Jentzsch warnt vor den Gefahren, die Monopolstellungen großer Internet-Konzerne für unsere Privatsphäre und Demokratie mit sich bringen. Die Datenwirtschaft brauche dringend mehr demokratische Grundwerte, fordert Jentzsch im Interview für das Buch „Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten.“ Denn nur die Demokratie wahre unsere wertvollen Grund- und Menschenrechte. Diese gelte es, in das Zeitalter Künstlicher Intelligenz mitzunehmen, und zwar nicht in Form der jetzigen internationalen Big-Data-Konzerne, die Marktanteile von bis zu 80 Prozent haben, sondern in Form von mehr Wettbewerb und Gegenentwürfen, die Nutzern mehr Anonymität im Internet gewährleisten.

Wir wollen Gegenentwürfe zu den gängigen Digitalmodellen, und zwar solche, die es uns erlauben, Grund- und Menschenrechte in das Zeitalter der künstlichen Intelligenz mitzunehmen.

Denn ein Agieren auf Augenhöhe zwischen Nutzer und Anbieter wird schwierig, wenn es ein enormes Machtgefälle beim Wissen gibt. Sprich: auf der einen Seite der Nutzer, der immer mehr Daten preisgibt – auf der anderen der globale Internet-Konzern, der sämtliche Daten speichert und mit diesen gute Geschäfte macht. Auf der Strecke bleibt dabei das ethische Verhalten, befindet Jentzsch: „Der Fall von Cambridge Analytica und die nachfolgende Unternehmenspolitik von Facebook haben auf besonders abstoßende Art und Weise gezeigt, was passieren kann, wenn der Zugang auf Daten nicht streng kontrolliert wird.“

Auch in Bezug auf den Umweltschutz sieht die Ökonomin die jetzige Datensammel-Praxis in der Digitalwirtschaft kritisch: ungehemmtes Datensammeln, das „always-on“-Prinzip bei Geräten und zusätzlich noch das „Internet der Dinge“, bei dem sich sämtliche Geräte unseres täglichen Lebens mehr und mehr vernetzen. Dies alles frisst unglaublich viel Energie. Deshalb mahnt die Ökonomin: „Wir müssen zurückfinden zu den traditionellen Werten der Sparsamkeit von Daten, Haltbarkeit von Produkten und Nachhaltigkeit der Produktion der Umwelt gegenüber.“ Brauchen wir wirklich die Vernetzung von allem mit allem? Wer möchte sich schon in ein selbst fahrendes Auto setzen, das von Dritten einfach übernommen werden könnte? Deshalb plädiert Jentzsch für eine Weniger-ist-mehr-Strategie in der Digitalwirtschaft: „Im Sinne unserer Umwelt, im Sinne der Cybersicherheit und im Sinne der Privatsphäre wären reduzierte, effizientere, weil datensparsamere Verfahren anderen gegenüber vorzuziehen.“

Das Recht auf Privatsphäre wiegt schwerer als „ökonomische Effizienz“ durch mehr Daten, die am Ende darin gipfelt, dass die Verbraucher durchleuchtet, ihre Käufe vorhergesagt oder im schlimmsten Fall gesteuert werden. China sieht die Datenökonomin hier als trauriges Beispiel, wo die Regierung Bürger „scored“ und damit in ihrer Freiheit einschränkt. Wer sich auf Facebook negativ über den Staat äußert, kann in seiner Reisefreiheit eingeschränkt werden oder plötzlich keinen Kredit mehr bekommen.

Ob also Schutz der Privatsphäre, Chancen-Gleichheit oder Umweltschutz: Es wird folglich Zeit, beim Thema Datenschutz kreativer zu werden. Hier teilt Jentzsch die Sicht von Apple-CEO Tim Cook, dass dieses Thema zu den drei wichtigsten dieses Jahrhunderts gehört. Wie dieses wichtige Thema angegangen werden kann und was für Lösungsvorschläge Erfolg versprechen, lesen Sie im Interview mit Nicola Jentzsch, das in voller Länge im Buch „Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten.“ am 23. September 2019 beim Siedler Verlag erscheint. Mehr zum Thema Datenschutz und Datenökonomie können Sie überdies im Podcast Weitergedacht hören: Die Folge Datenkapitalismus finden Sie hier sowie auf iTunes und Spotify zum Herunterladen.

Im Sinne unserer Umwelt, der Cybersicherheit und der Privatsphäre wären reduzierte, effizientere, weil datensparsamere Verfahren vorzuziehen.
Nicola Jentzsch

Nicola Jentzsch ist Ökonomin. Sie leitete bis vor kurzem den Bereich Datenökonomie beim Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“ in Berlin. Jentzsch plädiert für eine neue Sparsamkeit bei Daten.

Nicola Jentzsch